Augenarzt Dr. Dunker

Zeit für Leben.

Klinik für Bluthochdruck

Was bedeuten Blutdruck und Blutkreislauf?

Das Konzept, dass der Blutkreislauf das Leben und die Funktion des Organismus aufrechterhält, ist vier Jahrhunderte alt. 1628 veröffentlichte der Brite William Harvey (1578-1657) seine bahnbrechende Anatomische Abhandlung zur Bewegung des Herzens und des Blutes. Darin vertrat er die Ansicht, dass das Blut auf einer geschlossenen Bahn durch den Körper bewegt wird; so schrieb er: „Die Bewegung und der Schlag des Herzens sind hierfür die einzige Ursache.“ Und einige Seiten später schlug er vor: „Es sei gestattet, dies einen Kreislauf zu nennen.“

Neben der ausgesuchten Höflichkeit dieses Forschers imponierte an ihm seine intellektuelle Innovationskraft, welche die damalige Tradition weit hinter sich ließ. Bis ins 17. Jahrhundert hinein war man sich unter Ärzten und Naturforschern weitgehend einig, dass das Blut in der Leber gebildet, im Gewebe verbraucht und ständig neu nachgebildet wird – was ziemlich unökonomisch wäre. Mit seinem Kreislaufmodell hat sich Harvey gegen den seinerzeitigen Mainstream der medizinischen Überzeugungen gestellt, was ebenso zu bewundern ist wie seine Entdeckung selbst.

Obwohl wir inzwischen über den Kreislauf viel mehr Details kennen als William Harvey, haben sich seine Grundannahmen bis heute bestätigt. Im Zentrum des Blutkreislaufs befindet sich das Herz, das sich etwa 100.000 Mal in 24 Stunden kontrahiert und bei jeder Kontraktion etwa 100 Milliliter Blut auswirft.

In 24 Stunden werden also mindestens 10.000 Liter Blut durch unser Herz bewegt, wobei sich diese Zahl bei schwerer körperlicher Arbeit oder seelischer Anspannung beträchtlich steigert. Rechnet man diese Daten auf ein Leben hoch, kann man feststellen, dass sich in 80 Jahren unser Herz etwa drei Milliarden Mal kontrahiert und dabei etwa 300 Millionen Liter Blut bewegt hat – ohne dass es (in der Regel) jemals auch nur für kurze Phasen eine Ruhepause eingelegt hätte.

Auf den ersten Blick schmeichelt es unserem Denken, dass beim Menschen immerhin 15% des arteriellen Blutes des Körperkreislaufs ins Gehirn gelangen. Bedenkt man aber, dass 20% des gesamten Aufwands für die Muskel-, nochmals 20% für die Nieren- und beinahe 25% für die Darmtätigkeit anfallen, relativiert sich die angebliche Vorrangstellung des menschlichen Nervensystems etwas.

Damit alle Organe ausreichend mit Blut versorgt werden, muss im Kreislauf ein bestimmter Druck vorhanden sein, den man als Blutdruck bezeichnet. Dieser unterscheidet sich, je nachdem, ob wir ihn im kleinen oder großen Kreislauf, im arteriellen oder venösen System oder (beim stehenden Menschen) an den oberen oder unteren Extremitäten messen. Es hat sich eingebürgert, unter Blutdruck den arteriellen Druck im Bereich des Oberarms zu verstehen, dessen Normwert bei etwa 120/80 mm Quecksilbersäule liegt. Gemessen wird der Blutdruck meist nach jener Methode, die der italienische Arzt Scipione Riva-Rocci (1863-1937) Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt hat.

Der Blutdruck setzt sich aus der Menge des Blutes, die vom Herzen durch die Gefäße gepumpt wird, sowie aus der Enge oder Weite einzelner Blutgefäße zusammen. Weil die Blutgefäße keine starren Röhren, sondern aus Muskelwänden aufgebaut sind, die enger oder weiter gestellt werden, verändert sich ihr Durchmesser und damit auch der Blutdruck permanent.

Die Gefäßmuskulatur ist entweder relativ entspannt (relaxiert) oder angespannt. Entscheidend für die Modulation des Spannungszustands ist das vegetative Nervensystem; es regelt die Funktion vieler unbewusst ablaufender Körperprozesse, darunter auch die Blutdruckeinstellung. Der sympathische Anteil des Nervensystems sorgt dafür, den Organismus auf Situationen von Kampf und Flucht vorzubereiten (fight and flight); der parasympathische Anteil moderiert dagegen Atmosphären von Rückzug, Ruhe und Entspannung (conservation and withdrawal). Überwiegt der Sympathikus, ist dies häufig mit Bluthochdruck assoziiert; umgekehrt führt ein Überwiegen des Parasympathikus oft zu Blutniederdruck.

Wie kommt es zu Blutdruck-Erkrankungen?

Die Ursachen für eine dauerhafte Erhöhung oder Erniedrigung des Blutdrucks gehen selten à conto einer organischen Grunderkrankung. In den meisten Fällen handelt es sich um essentielle Blutdruckkrankheiten, bei denen ursächlich keine primär somatischen Veränderungen zu finden sind. Zu ihrer Entstehung tragen neben biologischen (z.B. Übergewicht) auch charakterliche, biographische und weltanschauliche Faktoren bei.

Da die Häufigkeit von Bluthochdruckerkrankungen (Hypertonus) im Vergleich zu den Blutniederdruckstörungen um ein Vielfaches höher liegt – in der westlichen Welt leiden etwa 15% der Gesamtbevölkerung und 45% aller Menschen über 65 Jahren an einer Hypertonie –, und weil ihre Folgen gravierend sein können, erläutern wir in der Folge bevorzugt die Psychosomatik und Anthropologie des Bluthochdrucks.

Schon in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts hat der Internist und Psychosomatiker Erich Wittkower (1899-1983) auf Zusammenhänge zwischen Affekten und Hypertonus hingewiesen. An der Charité in Berlin führte er Untersuchungen an Bluthochdruckpatienten durch und stellte dabei fest, dass die Hypertonie als körperliche Dauerfestlegung von Affektausdrucksbewegungen, als eine Art Ausdrucksfixierungen auftreten kann.

Wittkower interpretierte die Erhöhung des Blutdrucks als den körperlichen Aspekt eines Affektes, an dem man auch seelische Facetten untersuchen kann. Wenn Menschen in Rage geraten, Ekel, Scham, Angst oder einen anderen Affekt erleben, gehen diese Emotionen mit Veränderungen des psychischen wie auch somatischen Zustands einher. Dabei könne man nicht sagen, dass Affekte eine Veränderung des körperlichen Status nach sich ziehen; beides – Psychisches wie Somatisches – findet parallel und gleichzeitig statt, und das Blutdruckgeschehen (oftmals in Form von Hypertonie) ist Teil dieses Affekts.

Eindrucksvoll schilderte Wittkower eine Gruppe von gefäßgesunden Soldaten, die unmittelbar nach einem überstandenen Trommelfeuer ins Lazarett eingeliefert wurden. Bei fast allen stellte man hypertone Werte fest, die sich erst nach Tagen und Wochen normalisierten. Hier waren die Zusammenhänge zwischen situativer Belastung und Bluthochdruck leicht nachvollziehbar. Schwieriger zu durchschauen sind die Verhältnisse bei anderen Hypertonikern, deren emotionales oder soziales Trommelfeuer, dem sie gerade entronnen sind oder das auf sie wartet, nicht so ohne weiteres diagnostiziert werden kann. Wittkower sprach in diesem Zusammenhang von Katastrophen-Hypertonien, die sich bei heftigen existentiellen und affektiven Erschütterungen entwickeln.

In den 50er Jahren wies der Psychosomatiker Franz Alexander (1891-1964) auf die enge Verknüpfung des vegetativen Nervensystems mit dem Blutdruckverhalten hin. Bei Menschen mit Blutdruckwerten von 160/95 mmHg und mehr vermutete er, dass sie ihren Organismus auf Kampf- oder Fluchtsituationen vorbereiten (Bereitstellungsreaktion), wobei es selten zu realen körperlichen Kampf- oder Fluchthandlungen kommt. Der imaginierte Kampf oder die Vorbereitung zur Flucht beziehen sich oft auf psychosoziale Situationen, in denen körperliche Aktivitäten keinen Sinn ergeben und die physiologischen Veränderungen ins Leere laufen.

Nach Alexander sind es vor allem chronisch gehemmte aggressive Antriebe, die zu einer Erhöhung des Blutdrucks führen. Situationen und Atmosphären, in denen Menschen in Wut geraten, diese Affekte jedoch weder körperlich noch psychosozial ausagieren, können zur Ursache für die Dauererregung des Gefäßsystems werden. Insbesondere übertrieben höfliche und devot-unterwürfige Charaktere, die gleichzeitig Bereitschaft zu Konkurrenz, Neid- und Feindseligkeitsaffekten zeigen, haben nach Alexander ein hohes Risiko, an Bluthochdruck zu erkranken.

In den 60er Jahren beschrieb der Psychosomatiker Thure von Uexküll (1908-2004) verschiedene Varianten der Blutdruckerhöhung und bezeichnete manche von ihnen als Situationshypertonie. Unter Situation verstand er Konstellationen, bei der physikalische, physiologische, soziale und psychologische Komponenten ineinandergreifen und sich gegenseitig bedingen. Situationshypertonien entstehen, wenn sich eine oder mehrere dieser Komponenten ungünstig verändern.

Situationen extremer Hitze oder Kälte (physikalische Komponenten) können ebenso zu kurzzeitiger Erhöhung des Blutdrucks führen wie etwa heftige Schmerzen (Physiologie). Soziale Faktoren, die zu Hypertonus Anlass geben, sind Prüfungssituationen aller Art. Mögliche psychologische Facetten, die mit einer Situationshypertonie beantwortet werden, bestehen etwa aus Affekten. Das Zusammenspiel dieser Komponenten lässt für den Einzelnen eine Situation eventuell als so bedrängend erscheinen, dass sein Organismus mit einer Erhöhung des Blutdrucks reagiert.

Uexküll überprüfte diese Theorie an einer Gruppe von gesunden Medizinstudenten, deren Blutdruck er während ihrer Abschlussprüfung messen ließ. Dabei stellte er fest, dass manche Fragen des Prüfers beim Prüfling Blutdruckspitzen bis 200/130 mmHg hervorriefen. Innerhalb von wenigen Minuten nach der Prüfung pendelte sich ihr Blutdruck wieder bei 130/90 mmHg ein, wobei der systolische (höhere) Wert rascher zur Norm zurückkehrte als der diastolische Wert.

Anders als Uexküll beforschten die Psychosomatiker der Heidelberger Schule (Richard Siebeck, Viktor von Weizsäcker) vor allem die Chronizität und die in die Biographie des Einzelnen eingeflochtenen Bezüge der Hochdruckkrankheit. Siebeck (1883-1965) sprach in seinem Buch Medizin in Bewegung von einem lebensgeschichtlichen Hochdruck, der immer Ausdruck der gesamten kranken Persönlichkeit sei.

Weizsäcker (1886-1957) ordnete die chronische Hypertonie den so genannten Abnutzungskrankheiten zu und verglich den Tonus der Blutgefäße mit permanent und übermäßig aufgezogenen Uhrfedern, die irgendwann springen – so wie auch Blutgefäße irgendwann ihre Elastizität verlieren und erstarren. Der hohe Spannungszustand der Blutgefäße sei bei vielen Hypertonikern Ausdruck dafür, dass sie ihren Ängsten und Sorgen, vor allem ihren Befürchtungen bezüglich der Endlichkeit des Lebens, mit Willensanstrengung und Anspannung ein energisches Trotzdem entgegenzuhalten versuchen.

Der Hamburger Internist und Psychosomatiker Arthur Jores (1901-1982) rechnete Kreislaufstörungen zu den menschlichen Erkrankungen. Damit wollte er zum Ausdruck bringen, dass diese Störungen im Tierreich (zumindest in der freien Wildbahn bei nicht domestizierten Tieren) nur selten vorkommen, und dass für ihre Genese vorrangig psychosoziale Faktoren ausschlaggebend sind.

Beispiele für solche menschlichen Erkrankungen finden sich bei Afroamerikanern, die in den USA leben und dort Diskriminierungen und Ressentiments ausgesetzt sind. Diese Bevölkerungsgruppe erkrankt signifikant häufiger und schwerer an Hypertonie als die weiße Bevölkerung in den USA oder auch als die dunkelhäutigen Menschen in Afrika. Jores diagnostizierte bei Hypertonie-Patienten oft rigide Strategien im Umgang mit den sie belastenden Ereignissen. Besonders aggressive und revoltierende Impulse fielen bei ihnen unter das Verdikt des Verbotenen und würden häufig mit Selbstvorwürfen und Schuldgefühlen geahndet. Jores zufolge entwickeln viele Hypertoniker gegenüber den lustbetonten Regungen ihres Organismus Zurückhaltung und Skepsis.

Wiederum andere Aspekte bei der Entstehung und Chronifizierung von Bluthochdruck-Erkrankung hob der Daseinsanalytiker Medard Boss (1903-1990) hervor. Für Boss ging es bei Krankheiten des Menschen darum, dessen jeweilige existentielle Gestimmtheit zu verstehen. Seine zentrale These lautete, dass Konflikte und Probleme, die von Menschen nicht hinreichend gelebt werden, von ihnen geleibt werden (Krankheit).

Die spezielle Gestimmtheit vieler Hypertoniker umriss Boss mit einem übermäßigen Gespannt- oder Unter-Druck-Sein. Die Weltbezüge und -kontakte solcher Menschen seien geprägt durch große emotionale Anspannungen und soziale Spasmen, welche der Einzelne nicht adäquat in sein psychosoziales Leben integrieren kann, und die auf der leiblichen Ebene zur Tonuserhöhung der Gefäßmuskulatur führen.

Die existentielle, stimmungsmäßige Verkrampfung bewirke, dass solche Menschen weder einem äußeren noch inneren Druck nachgeben können. Statt Rücknahme oder Nachgeben dominieren bei ihnen Kampf, Verteidigung und daraus resultierende Überforderung, nicht aber Flexibilität und Weichheit. Vor allem die Lebensmöglichkeiten von Liebe, Freude, spontaner Vitalität und des epikureischen und temperamentvollen Pulsierens seien ihnen fremd und verschlossen.

Menschen mit Hypertonie kann man deshalb mit Klaustrophobikern vergleichen. Subjektiv leben sie im übertragenen Sinne in engen Räumen und empfinden sich von diesen eingegrenzt und gefangen gehalten. Im Gegensatz dazu gleichen Hypotoniker den Agoraphobikern, welche den subjektiven Raum meistens als zu weitdimensioniert erleben und daher stets auf der Suche nach Halt, Schutz und Orientierung sind. Den Hypertoniker ängstigt nicht selten die Enge, den Hypotoniker hingegen die Weite.

Analog zum Raum erlebt jeder Mensch auch die Zeit sehr subjektiv. So wie der Raum von Menschen mit Hypertonie meist als zu klein dimensioniert empfunden wird, erleben sie die Zeit als zu kurz und zu wenig bemessen. Zeitdruck, Zeitmangel oder Gehetzt-Sein charakterisieren daher das Lebensgefühl vieler Bluthochdruckpatienten.

Fasst man die Beobachtungen der Psychosomatiker hinsichtlich der Blutdruckpatienten zusammen, stellt man fest, dass Letztere meist als unter hohem Druck stehend beschrieben werden. Dieser Druck setzt sich aus biologischen Faktoren, äußeren und inneren Bedrängnissen sowie aus Charakterzügen und Affekten der Betroffenen zusammen. Heterogene äußere Situationen (von der Prüfungssituation bis zum Trommelfeuer) sowie unterschiedlichste Affekte (Aggression, Angst, Ressentiment) und existentielle Haltungen tragen zu einer Bluthochdruckerkrankung bei. Man fragt sich, ob dabei Gemeinsamkeiten bestehen.

Eventuell verbirgt sich als gemeinsamer Nenner hinter allen diesen Situationen und Emotionen die Frage, wie Menschen in ihrem Leben mit Ohnmacht, Angst und Unterlegenheit umgehen. Glück, Zufriedenheit und relative Angstfreiheit stellen sich ein, wenn wir uns als mächtig und potent erleben – wobei sich jeder seine eigenen Methoden und Wege zurechtlegt, wie er diesen Zustand für sich zu realisieren gedenkt. Das Spektrum reicht von der produktiven Beitragsleistung über fragwürdigen Ruhm und Reichtum bis hin zu Destruktivität und kriminellen Machenschaften.

Nun versetzt uns das Dasein immer wieder in Situationen, in denen unsere Strategien nicht die gewünschte Überlegenheit induzieren und verbunden damit kein hohes Selbstwertgefühl nach sich ziehen, und die uns deshalb ängstigen oder in Unruhe versetzen. In solchen Momenten erleben wir uns in der Regel nicht mehr als gestaltende Subjekte, sondern als Objekte, mit denen etwas geschieht: Das Leben macht mit uns, was es will.

In solchen Momenten existentieller Unterlegenheit holen sich Menschen nicht selten Hilfe, Kraft und Unterstützung bei ihrem Körper. Weil ihre seelischen, sozialen oder geistigen Fähigkeiten nicht ausreichen, die anstehenden Aufgaben zu meistern, und weil eine Niederlage ihren Selbstwert empfindlich zu erschüttern droht, mobilisieren sie alles an ihrem Organismus, was sich dem entgegenstemmen könnte.

Eine Erhöhung des Blutdrucks wirkt in diesen Situationen wie ein Tonikum, das den Einzelnen aus den Stimmungen und Atmosphären des Nicht-Genügens und des Mangels emporträgt in die luftigeren Gefilde des Überschreitens, Siegens und Triumphes. Der hohe Blutdruck übernimmt, meist als Emotion erlebt, die Rolle eines Anxiolytikums (Angst lösendes Mittel), Antidepressivums oder Aphrodisiakums und versetzt so den Betreffenden in einen angstfreieren und expansiveren Zustand.

Wie kann Bluthochdruck behandelt werden?

Diese Wirkungen erklären, warum nicht wenige Patienten ängstlich, depressiv oder impotent werden, sobald man ihnen mit entsprechenden Medikamenten ihren Bluthochdruck beseitigt. Dies liegt nicht nur an den direkten Nebenwirkungen der Medikamente, sondern ebenso am Entzug ihres Hyper-Tonikums.

Wie bei anderen Aufputschmitteln, benötigt der Organismus auch beim Hypertonus häufig immer höhere Dosen, um den erwünschten Effekt zu erzielen. Die Halbwertszeit dieses Tonikums ist kurz, und wenn Situationen ängstigender Unterlegenheit anhalten, kann die wiederholte Steigerung des Blutdrucks eine fixierte Bluthochdruckkrankheit induzieren. An dieser Stelle sei betont, dass nicht wenige vereinzelte, sondern wiederkehrende ängstigende oder verunsichernde Situationen (berufliche Forderungen, partnerschaftliche Kalamitäten, Schwellensituationen wie Midlife-Crisis und Altern, gesellschaftliche Diskriminierung oder permanente Frustration) auf diese Weise Hypertonie auslösend wirken.

Der Hypertonus kann als Versuch des Organismus verstanden werden, aus Situationen ängstigender Ohnmacht in den beruhigenden Zustand von Macht und Überlegenheit zu gelangen. Das Kreislaufsystem verhält sich dabei wie das gesamte Individuum: Das Herz und die Arterien katapultieren innerhalb kurzer Zeit den soeben noch Unterlegenen in einen Zustand kraftstrotzender Potenz und kupieren so bei ihm die Atmosphären der realen oder imaginierten Inferiorität.

Aus diesen Beschreibungen und Thesen lassen sich therapeutische Überlegungen zum Umgang mit Bluthochdruckkrankheit ableiten. Da man in der Medizin seit langem weiß, dass ein auf Dauer erhöhter Blutdruck zu ernsthaften Erkrankungen führen kann (Arteriosklerose großer und kleiner Blutgefäße, Infarkte von Gehirn und Herz, Schädigung der Nieren), sind die behandelnden Ärzte bemüht, das aufgewühlte Blutdruckgeschehen ihrer Patienten in ruhigere Bahnen zu lenken.

Weil die Normalisierung von erhöhten Blutdruckwerten für viele Kranke wie der Entzug eines Tonikums wirkt, sind diese trotz besserer Einsicht oftmals nicht so ohne weiteres bereit, über längere Zeit auf ihren Hypertonus zu verzichten. Außerdem spüren sie, dass nicht nur eine medikamentöse Einstellung des Blutdrucks zum Therapieprogramm zählt. Daneben müssen der Lebensstil (Bewegung, Ernährung, Gewicht), die emotionale und soziale Verfassung sowie die Weltanschauung des Betreffenden als den Bluthochdruck mitbedingend verstanden und wenn möglich verändert werden.

Bluthochdruckpatienten sollten sich deshalb bei allen Aufgaben, Chancen und Verlockungen ihres Daseins fragen, mit wie viel innerer und äußerer Bewegtheit sie darauf antworten, und wie viel Engagement dafür tatsächlich nötig ist. Generell dürften sie neben der Expansion auch die Haltungen von Rückzug, Innehalten, Stille, Beschaulichkeit und Muße einüben. Hierfür wäre eine Orientierung beispielsweise an den stoischen Philosophen der Antike erwägenswert, für die nicht Erfolg, Titel, Geld und Prestige, sondern die Ataraxie, der Gleichmut und die Unerschütterlichkeit des Gemüts, die höchsten Werte darstellten.

Zur stoischen Gelassenheit zählt die Kunst, die Welt zutreffend in bewegliche und unbewegliche Anteile einzuordnen. Wer sich vorrangig an den unbeweglichen Teilen der Welt abarbeitet, landet nicht selten in einem chronischen Kampf- und Überforderungssyndrom, das zum Schluss nur noch den Ausweg der autoplastischen Veränderung des eigenen Körpers anstelle des alloplastischen Bewegens der Welt als Möglichkeit offen lässt. Hypertonie-Patienten sind oft mit Themen beschäftigt, deren Widerstandskoeffizient hoch oder zu hoch ist und deren Beweglichkeit und Veränderbarkeit gegen Null tendiert.

Des Weiteren darf bei Patienten mit Bluthochdruck ihr Verhältnis zum Thema der Hingabe überprüft und eventuell korrigiert werden. Das menschliche Dasein kennt Phasen von Aktivität und Passivität – es wirkt wie ein Karussell, das manchmal anhält und uns einlädt, aufzuspringen und eine Runde mitzufahren; und das uns bisweilen aber auch auffordert, abzusteigen und still zuzusehen. Wer den Wechsel von Expansion und Kontemplation, von Systole und Diastole im Rhythmus seines Lebens zulässt, den plagen womöglich weder die hypotonen Zustände des Ängstlichen, der sich nicht aufzuspringen getraut, noch die hypertonen Situationen desjenigen, der glaubt, er und seine Welt gingen unter, wenn er einmal eine Runde seines Lebens aussetzen muss.

Empfehlenswert für Bluthochdruckpatienten ist ein mittlerer Abstand zur Welt. Aufgrund des Bedürfnisses, möglichst viel und intensiv Leben aufzunehmen und festzuhalten, rücken manche Menschen zu nahe an die Quellen der Lebendigkeit oder an das, was sie dafür halten. Die Folge ist, dass ihnen die Abgrenzung gegenüber den Angeboten und Imperativen ihrer Umwelt nicht mehr gelingt. Sie folgen willig jedem Thema und Motiv, das Aufschwung, Daseinsfülle und Macht verheißt, und lassen sich von der Dynamik, den Aufgeregtheiten oder auch den Verrücktheiten dieser Themen anstecken und beherrschen. Oftmals erwecken die Betreffenden den Eindruck, etwas Fremdes habe in ihrem Zentrum das Regiment übernommen; sie sind nicht mehr Herren, sondern Knechte ihrer Wünsche und Begierden. Beides aber – die unruhige Suche nach Leben ebenso wie die inneren Auseinandersetzungen mit diesen unbequemen Herren – trägt zur Erhöhung des Blutdrucks wesentlich mit bei.

Laura Zimmermann, Patientenmanagement
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Laura Zimmermann, Patientenmanagement