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Vortrag im Salon beim Symposium 2026 des Klinikums Schloss Lütgenhof

Lücke, Pause, Nichts?

Eindrücke vom Symposium 2026 des Klinikums Schloss Lütgenhof.

Erfahrungen & Bewertungen zu Klinikum Schloss Lütgenhof
07:00 Lesezeit

Sinn, Wert und Bedeutung –
Lücke, Pause, Nichts?
Eindrücke vom Symposium des Klinikums Schloss Lütgenhof

Gina Rossollek – Werkstudentin
Gina Rossollek Psychologin

Was fehlt, wenn etwas aussetzt? Was geschieht in der Pause zwischen zwei Herzschlägen, in der Stille zwischen zwei Tönen oder im stockenden Gespräch zwischen zwei Menschen? Diesen Fragen widmete sich das zweite Symposium des Klinikums Schloss Lütgenhof, das am 3. und 4. Oktober 2026 in Dassow stattfand. Unter dem Titel „Sinn, Wert und Bedeutung – Lücke, Pause, Nichts?“ beleuchteten die Referierenden das Thema aus Perspektiven der Medizin, Philosophie, Psychotherapie, Kunst und Wissenschaft. Dabei zeigte sich: Was zunächst wie bloße Abwesenheit wirkt, kann Wahrnehmung ermöglichen, Beziehungen stiften und Handlungsspielräume eröffnen.

Tag 1: Zwischen zwei Schlägen

Den Auftakt machte Prof. Dr. med. et phil. Johannes Thome (Lehrstuhlinhaber und ärztlicher Direktor der psychiatrischen Universitätsklinik Rostock) mit dem Keynote-Vortrag „Von der Psychiatrie zu Laotse und zurück“. In Abgrenzung zur abendländischen Philosophie von Sokrates und Immanuel Kant stellte er Bezüge zu Laotses Denken her und erläuterte das Prinzip des Nicht-Handelns (Wu Wei). Dieses bedeute keineswegs Passivität oder Faulheit, sondern vielmehr eine innere Haltung: den Fluss des Lebens anzunehmen, unnötigen Widerstand aufzugeben und ohne verkrampften Ehrgeiz zu handeln. Die eigene Initiative wird zugunsten eines überindividuellen Lebensprozesses auf wohltuende Weise relativiert, ohne diese gänzlich in Frage zu stellen. Wo Raum gelassen wird, können Bewegung, Veränderung und neue Möglichkeiten entstehen.

Anschließend näherten sich Dr. med. Maximilian Huber und Dr. med. et phil. Christian Schmidt dem Thema aus psychokardiologischer Sicht. Ihr Impulsvortrag „Zwischen Systole und Diastole: Wertaspekte in der Psychokardiologie“ nahm den Wechsel von Anspannung und Entspannung, Herzschlag und Pause in den Blick. Dabei ging es sowohl um die messbaren physiologischen Vorgänge als auch um die kulturelle, individuelle und wertphilosophische Bedeutung im Anschluss an ein anthropologisches Verständnis, welches dem Herzen zugeschrieben wird.

Impulsvortrag zur Psychokardiologie beim Symposium 2026

Impulsvortrag von Dr. med. Maximilian Huber und Dr. med. et phil. Christian Schmidt: „Zwischen Systole und Diastole: Wertaspekte in der Psychokardiologie“

Prof. Dr. rer. nat. Angela Busse wechselte die Perspektive und richtete den Blick auf Pflanzen und ihre Reaktionen auf Wind. Anhand ihrer Ausführungen wurde deutlich, dass Pflanzen konstanten Windeinflüssen nicht nur passiv ausgesetzt sind: Sie verändern Wachstum und Gestalt und wachsen dem Wind auf diese Weise gewissermaßen entgegen (positiver Tropismus). Der Bezug zum Thema des Symposiums lag im Zusammenspiel von Umwelt und Organismus, Einwirkung und kompensatorischer Antwort. Die Lücke erschien hier nicht als Stillstand, sondern als dynamischer Zwischenraum, in dem vitale Veränderung und Sinnfindung möglich wird.

Dr. phil. Corinna Pregla stellte mit ihrem Beitrag „Klang der Stille“ die Pause selbst in den Mittelpunkt. Ausgangspunkt war John Cages Komposition 4′33″, in der kein intendierter Ton gespielt wird bzw. die Tonwechsel in so großen zeitlichen Abständen erfolgen, dass diese nicht wahrgenommen werden. Gerade dadurch rückt etwas in den Vordergrund, was sonst häufig nur als Hintergrundphänomen eine Rolle spielt und die Erfahrung von Zeitlichkeit thematisiert. Was hören und erleben wir, wenn gerade nichts gespielt wird? Wann wird Stille als Leere empfunden – und wann eröffnet sie einen Raum für neue Wahrnehmungen?

Den musikalischen Abschluss des ersten Tages bildete ein Klavierkonzert mit Prof. Björn Lehmann und Norie Takahashi. Ihr Zusammenspiel führte die Fragen des Tages auf musikalische Weise weiter und auf einer anderen Ebene fort. Klang, Unterbrechung und Stille wurden nicht nur zum Gegenstand des Nachdenkens, sondern auch hörbar und unmittelbar sinnlich erfahrbar. Beim anschließenden gemeinsamen Abendessen bot sich Gelegenheit, die Eindrücke im gegenseitigen Austausch zu vertiefen und miteinander ins Gespräch zu kommen.

Schlosspark des Klinikums Schloss Lütgenhof während des Symposiums 2026

Tag 2: Vom Wert des Weglassens

Der zweite Tag des Symposiums begann mit dem Keynote-Vortrag von Prof. Dr. med. Konrad Schmidt (Professor und Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Medizinischen Hochschule Brandenburg, MHB): „Medizin als kulturelle Metapher: Kann weniger mehr sein?“ Im Zentrum stand eine kritische Auseinandersetzung mit der modernen (Über-)Versorgungsmedizin. Wo beginnt Krankheit? Welche Folgen hat es, wenn diagnostische Grenzwerte verschoben werden? Und bedeutet die Möglichkeit, immer mehr zu diagnostizieren, zwangsläufig auch einen Gewinn an Gesundheit? Daraus ergab sich eine grundlegende Frage: Muss alles, was messbar, benennbar und behandelbar ist, tatsächlich behandelt werden? Der Vortrag lenkte den Blick auf das begründete Nicht-Tun und Abwarten als mögliche medizinische Haltung.

Dr. phil. Moritz von Kalckreuth (Fellow am Max Weber Kolleg Erfurt) widmete sich dem Phänomen der Verlegenheit – einem Moment, in dem der selbstverständliche Ablauf einer Begegnung ins Stocken gerät, da sich in einer konkreten Situation verschiedene Anknüpfungsmöglichkeiten ergeben. Die dadurch entstehende Pause ist keineswegs leer. Gerade wenn unklar ist, was gesagt oder getan werden soll, wird das Verhältnis zu sich selbst und zum Gegenüber auf besondere Weise körperlich spürbar. So wurde Verlegenheit als Erfahrung beschrieben, in der eine Unterbrechung zugleich Unsicherheit und eine intensive Wahrnehmung der zwischenmenschlichen Situation hervorruft. Gleichzeitig wurde die Verlegenheit zu Phänomenen wie (Fremd)-Scham und Zerstreutheit abgegrenzt und ein souveräner Umgang mit spielerischer Grazie empfohlen.

Vortrag „Die angespannte Pause“ zum Phänomen der Verlegenheit beim Symposium 2026

Vortrag von Dr. phil. Moritz von Kalckreuth: „Die angespannte Pause. Überlegungen zum Phänomen der Verlegenheit“

Pierre Schleicher erweiterte diese phänomenologische Perspektive mit Bezug auf Maurice Merleau-Ponty um Aspekte des Erlebens autistischer Personen, die in Diagnostik und Forschung bislang wenig berücksichtigt werden. Im Mittelpunkt stand dabei die Lücke der Zwischenleiblichkeit, d.h. zwischen beobachtbarem Verhalten und subjektivem Körpererleben. Zudem thematisierte er, wie unterschiedlich zwischenleibliche Resonanzphänomene wahrgenommen werden können und welche Bedeutung dies für das Verständnis autistischer Erfahrungen hat. Somit kamen weniger objektive diagnostische Kriterien als vielmehr das Erleben betroffener Personen selbst zur Sprache.

Auch der zweite Tag unseres Symposiums wurde durch musikalische Beiträge von Norie Takahashi und musiktheoretische Erläuterungen von Prof. Björn Lehmann bereichert. Ohne die Musik wäre unser Symposium sicher unvollständig geblieben, und die beiden verheirateten Musiker haben mit ihrer Präsenz zum Gelingen unseres Gesamtkunstwerks (Symposium) wesentlich beigetragen.

Im finalen Keynote-Vortrag „Vom Weglassen – Lücke, Pause, Nichts“ reflektierte Prof. Dr. med. et phil. Gerhard Danzer das Phänomen der Lücke im soziokulturellen Kontext. Von allfälligen Baulücken im Stadtbild spannte er einen weiten Bogen über die Natur- und Kulturgeschichte bis hin zur Kunst und zum Werk Paul Cézannes. Dabei zeigte er, wie für Cézanne das Weglassen oder der Mut zur Lücke selbst zum gestalterischen Mittel wurde. Nicht jede Leerstelle ist ein Mangel: Mitunter tritt etwas gerade deshalb hervor, weil anderes nicht dargestellt wird. Dies wurde auch in Bezug auf die Biografie und das Werk Cézannes und im Rahmen der abschließenden Reflexionen der Teilnehmerinnen über das Erlebte deutlich.

Keynote-Vortrag „Vom Weglassen – Lücke, Pause, Nichts“ beim Symposium 2026

Keynote-Vortrag von Prof. Dr. med. et phil. Gerhard Danzer: „Vom Weglassen – Lücke, Pause, Nichts“

Was bleibt?

Das Symposium endete bewusst nicht mit einem abschließenden Fazit. Stattdessen erhielten die Teilnehmenden eine Karte, auf der ein Ausschnitt eines Kunstwerks von Cézanne abgedruckt war, und waren eingeladen, darauf einen Gedanken, einen Eindruck oder eine Erinnerung festzuhalten, die ihnen von den beiden Tagen geblieben waren.

Die Beiträge haben auf sehr unterschiedliche sprachliche und nicht-sprachliche Weisen das Thema „Sinn, Wert und Bedeutung – Lücke, Pause, Nichts?“ aus verschiedenen wissenschaftlichen, philosophischen und künstlerischen Blickwinkeln beleuchtet. Gemeinsam befassten sie sich mit der Frage, ob Abwesenheit tatsächlich immer als Defizit verstanden werden muss oder inwiefern ein produktiver Umgang damit möglich ist. Zwischen zwei Herzschlägen liegt eine notwendige Pause; im Gespräch kann Schweigen Bedeutung gewinnen; in der Kunst kann das Weggelassene den Blick auf bislang Verborgenes lenken.

Auch in Medizin und Psychotherapie kann es wichtig sein, nicht jede Lücke vorschnell zu schließen und nicht jede diagnostische oder therapeutische Möglichkeit unmittelbar auszuschöpfen. So blieb zum Abschluss weniger eine eindeutige Antwort als eine Einladung, die Zwischenräume bewusster wahrzunehmen.

Was bis zum nächsten Symposium im Jahr 2027 nachwirkt, wird sich zeigen. Vielleicht liegt gerade darin auch eine Bedeutung von Wu Wei: nicht alles festzulegen oder zu füllen, sondern dem Raum zu geben, was sich erst noch entwickeln darf.

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